Podiumsdikussion: Betriebskindergärten - Luxus oder Notwendigkeit?

"Betriebskindergärten - Luxus oder Notwendigkeit" war am 24. Oktober 2006 die zentrale Fragestellung einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion im T-Center, bei der Perspektiven aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf spannende Weise verknüpft wurden.

Mag. Michael Fuchs vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung stellte in seinem Impulsreferat fest, dass Österreich im europäischen Vergleich durchaus einen Aufholbedarf bei Kinderbetreuungsplätzen – vor allem für Kinder unter 3 Jahren – hat. Im Hinblick auf einen durch die Bevölkerungsentwicklung prognostizierbaren Trend zum Mangel an qualifizierten Arbeitskräften, ist hier ein großes Interessenpotential seitens der Wirtschaft absehbar. Nicht zuletzt da ein Betriebskindergarten mehrere Vorteile für ein (Groß)Unternehmen bringt, wie zum Beispiel Vorteile bei der Akquisition und Bindung von MitarbeiterInnen durch bessere Work-Life-Balance, weniger Ausfallzeiten, Steigerung der Produktivität und Konkurrenzfähigkeit oder soziales Prestige. Für Fuchs wird für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ebenso wie aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive das Zusammenspiel von Kindergeld-/Karenzregelung, dem Angebot Kinderbetreuungsplätzen und familienfreundlichen Maßnahmen von Unternehmen immer wichtiger.

Prammer: Kindergartenmilliarde wieder einführen
Mag.a Barbara Prammer, zweite Nationalratspräsidentin und SPÖ Bundesfrauenvorsitzende, betonte die wichtige partnerschaftliche Position von Unternehmen bei der flächendeckenden Errichtung von Kinderbetreuungseinrichtungen mitzuwirken. Für Prammer ist es unumgänglich die Kindergärten als Bildungseinrichtung zu verstehen. Unternehmen die großen Wert auf elementare Bildung setzen, nutzen hier wichtige Ressourcen. Eine wichtige anstehende Aufgabe sieht Prammer darin, die großen Versorgungs- und Qualitätsunterschiede in den einzelnen Bundesländern durch ein Bundesrahmengesetz für Kinderbetreuung auf hohem Niveau in naher Zukunft auszugleichen. Prammer betont auch, die Notwendigkeit für die Zukunft Initiativen zu setzen: Ein Kinderbetreuungsfinanzausgleich wäre wichtig. Weiters fordert Prammer die Kindergartenmilliarde wieder einzuführen, um für die notwendige Errichtung von Kindergärten wichtige Impulse zu setzen und verweist auf die späten 90er Jahre, als mit der zur Verfügung gestandenen Kindergartenmilliarde (in Schillinge) 30.000 Kindergartenplätze geschaffen werden konnten.

T-Mobil: Entscheidender Wettbewerbsvorteil
Ein wichtiges Argument für T-Mobile bei den Überlegungen für einen Betriebskindergarten waren die flexiblen Öffnungszeiten erklärte Dr. Sabine Goellrich, Human Resource Director von T-Mobile Austria. Die Tatsache dass man als junges Unternehmen und aufgrund des hohen Bedarfs an hochqualifizierten MitarbeiterInnen Angebote für die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzen muss, kamen hinzu. Rückblickend war es die richtige Entscheidung, denn der Kindergarten wird ab Jänner 2007 die Endauslastung mit 80 Kindern erreichen. „
Der Betriebskindergarten biete einen schnellen Wiedereinstieg ins Berufsleben. Das ist vor allem bei hoch qualifiziertem Personal sehr wichtig. Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil für T-Mobile“, so Goellrich. Wenn heute eine Mitarbeiterin in den Mutterschutz geht, kann ihr schon die Option der betriebsinternen Kinderbetreuung geboten werden, so Goellrich weiter. Dies ist neben anderen flexiblen Arbeitsmodellen sicher ein großer Pluspunkt für das Unternehmen aus der Sicht der ArbeitnehmerInnen.

Kinderfreunde: Win-win Situation für Kinder, Eltern und ArbeitgeberInnen
Um Interessenten eine umfangreiche Unterstützung zu geben, bieten die Wiener Kinderfreunde von der ersten Bedarfserhebung über die Kalkulation und Einreichungen bis hin zur Ausstattung, als kostenloses Service an, so der Geschäftsführer der Wiener Kinderfreunde, Christian Morawek. Auch die enge Zusammenarbeit mit den Wiener Magistratsabteilungen spricht für eine Kooperation mit den Wiener Kinderfreunden. Die Konzepte der einzelnen Kinderfreunde-Betriebskindergärten unterscheiden sich eklatant insofern untereinander, dass, so Morawek „wir bei 23 Betriebskindergärten 23 verschiedene Kindergartenkonzepte auf die Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens umsetzen konnten, sei es in der Pädagogik oder auch bei der Ausstattung und den Öffnungszeiten.“ Aus mehr als drei Jahrzehnten langer Erfahrung, bentont der Kinderfreunde Geschäftsführer, wissen wir, dass hier nicht nur die Kinder und deren Eltern zu den GewinnerInnen gehören, sondern auch die Unternehmen selbst.

T-Systems: Wünschen uns mehr Frauen in technischen Berufen
Dem stimmte auch Mag. Joachim Burger, Human Resource Director T-Systems Austria zu. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sei nicht nur für MitarbeiterInnen und deren Familie von Bedeutung, sondern gleichermaßen ein wichtiges Element für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. „Work-life-Balance“ kann von den MitarbeiterInnen nur umgesetzt werden, wenn das berufliche Umfeld eine Kombination von Beruf und Privatleben unterstützt. „Wir brauchen die besten MitarbeiterInnen, um am Markt erfolgreich zu sein und das schaffen wir nur, wenn wir unseren MitarbeiterInnen Flexibilität anbieten“, so Burger. Für T-Systems ist ein wichtiger Bestandteil der sich rasch entwickelnden Arbeitswelt, dass nach wie vor zu wenige Frauen für technische Berufe bewerben. T-Systems in Österreich hat sich daher einen besonderen Schwerpunkt in Richtung Frauenförderung in Technologieberufen sowie Familienfreundlichkeit und Chancengleichheit gesetzt. Neben dem Betriebskindergarten beteiligt sich T-Systems an unterschiedlichen Projekten und Initiativen wie dem Töchtertag oder einem richtungsweisenden Cross Mentoring Programm.

Industriellenvereinigung: Anreize für einen sicheren Wiederstieg
Dr. Judith Brunner vom Bereich Gesellschaftspolitik der Industriellenvereinigung gratulierte den beiden Unternehmen zu ihrem Engagement in Hinblick auf Vereinbarkeit, Wissensgesellschaft, Rollenbilder und sogar spätere Berufsentscheidungen der Kinder. Aus der Sicht der Industriellenvereinigung sind auf Ebene der Politik drei Handlungsfelder besonders wichtig: Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen, Flexibilisierung des Kinderbetreuungsgelds und Bewusstseinsbildung für Männer und Frauen. Unternehmen können sich darüber hinausgehend sehr unterschiedlich engagieren. Die Palette reicht dabei von finanzieller Unterstützung der Eltern über Kinderbetreuungsgutscheine bis zu Betriebskindergärten oder überbetrieblichen Kinderbetreuungseinrichtungen. „Betriebskindergärten sind ein Anreiz für einen schnellen Wiedereinstieg. Dieses Wissen gibt den Müttern Sicherheit“, so Brunner. Die Industriellenvereinigung sieht den in der Diskussion angesprochenen Rechtsanspruch auf Kindergartenplätze als derzeit zu hoch gegriffenes Ziel. Viel wichtiger sei, so Brunner, in einer ersten Phase bis 2010 den akuten Bedarf an Kinderbetreuungsplätzen abzudecken, das sind 46.000 fehlende und 40.000 zu verbessernde Plätze, und in einer zweiten Phase die Erreichung des Barcelona-Ziels anzustreben. Gefordert ist dabei die öffentliche Hand, die Wirtschaft kann einen zusätzlichen Beitrag leisten, aber nicht die Aufgaben der Politik übernehmen.

Betriebskindergarten rechnet sich auch betriebswirtschaftlich

In der Publikumsdiskussion gab Helga Hess-Knapp von der Frauenabteilung der Arbeiterkammer Wien zu bedenken, dass bei allem Engagement von Privaten die Kommunen nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden dürfen und fordert ebenfalls ein Bundesrahmengesetz und entsprechende finanzielle Mittel für den Kindergarten.

Franz Urban, Zentralbetriebsratsvorsitzender der Wiener Städtischen, verwies auf die seit 32 Jahren bestens funktionierende Zusammenarbeit mit den Wiener Kinderfreunden, die seit 1974 den Betriebskindergarten des Unternehmens führen. Urban betonte, dass der finanzielle Aufwand für den Betriebskindergarten der Wiener Städtischen nur einen Bruchteil der gesamten Sozialleistungen ausmacht und unterstrich bei dieser Gelegenheit, dass sich die Investitionen für einen Betrieb auf jeden Fall betriebswirtschaftlich rechnen.

Dr. Heide Lex-Nalis als erfahrene Ausbildnerin von KindergartenpädagogInnen, betonte in ihrem Diskussionsbeitrag, die wichtige Nutzung des Kindergartens als elementare Bildungseinrichtung. „Kinder sind im Kindergartenalter wissbegierig wie nachher nie mehr. Sie nehmen Bildung wie ein Schwamm auf“, so Lex-Nalis. Sie erwarte sich von den Zuständigen, dass nicht länger gewartet wird, denn das ansonsten verlorene Bildungspotential sei für Kinder in der Schule nicht mehr aufzuholen. Und die Gesellschaft sehe sich mit einem massiven Versäumnis am Bildungskapital unserer Bevölkerung konfrontiert.

Katharina Schinner, Vize-Präsidentin des Wiener Wirtschaftsverbandes, forderte in der wichtigen Diskussion auch die KMUs nicht zu vergessen. So hat der WVWien eine Arbeitsgruppe eingesetzt in der die zentralen Bedürfnisse selbstständiger Frauen analysiert und Lösungsmodelle erarbeitet werden.

Die Politik muss Verantwortung übernehmen, auch wenn die Wirtschaft mit ihrem Engagement mit der Errichtung von Betriebskindergärten wichtige Impulse setzt. Wichtig ist, dass sich bestehende Einrichtungen vernetzen und auch Vorurteile gegenüber anderen qualitätsvollen Betreuungsmodellen abgebaut werden. Es ist an der Öffentlichen Hand ein einheitliches Bundesrahmengesetz zu schaffen und gleichzeitigdafür zu sorgen, dass die vielen Tausend fehlenden Plätze geschaffen und bestehende Plätze verbessert werden, so das Schlusswort von Mag.a Prammer, das als Conclusio der spannenden Diskussionsveranstaltung galt.

Rückfragehinweis:
Michaela Müller-Wenzel, Presseservice der Wiener Kinderfreunde,
Tel. 01-40125-55 oder per Email:

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